7 Tage Dumbphone: meine Challenge.

1. Januar 2025


8 Min. Lesezeit


Rhys Thomas

Rhys Thomas

Der Autor und bekennende Smartphone-Süchtige Rhys Thomas hat sein iPhone gegen ein Dumbphone getauscht und den ultimativen Realitätscheck gemacht. So ist es ihm dabei ergangen …

Ich bin von Natur aus ein eher analoger Typ. Am liebsten würde ich den ganzen Tag nur mit Notizblock und Stift herumlaufen– und vielleicht noch mit einer Kamera. Leider schreiben wir das Jahr 2024 und zu allem Überfluss bin ich in der Medienbranche tätig – deshalb habe ich ständig mit einer Art Bildschirm zu tun. Das hat mich zwar schon immer gestört, aber erst so richtig, als ich mir einmal meine wöchentliche Bildschirmzeit angesehen habe. Sie liegt in der Regel bei 6 oder 7 Stunden pro Tag – und dabei sind die gut 8 Stunden Arbeit am Laptop noch gar nicht eingerechnet. Ich bin im ländlichen England aufgewachsen und habe Augenprobleme – eine derartige Bildschirmzeit tut mir in der Seele weh (und beeinträchtigt meinen Schlaf und meine Konzentrationsfähigkeit). Ich habe schon oft versucht, meine Bildschirmzeit mithilfe von Apps zu reduzieren, und auch die eher unwichtigen, dafür stark suchtfördernden Socia-Media-Apps blockiert. Aber diese Maßnahmen waren nicht ausreichend – ich habe meine eigenen Regeln einfach ständig gebrochen.

Ich habe lange über die Anschaffung eines „Dumbphones“ nachgedacht, wie die Dinger heute heißen. Ich war 11, als das erste iPhone auf den Markt kam, und kann mich daher nur dunkel an die Zeit erinnern, als diese Knochen die aktuelle Spitzentechnologie waren: Snake spielen, Songs per Bluetooth verschicken und SMS mithilfe derselben 8 Tasten schreiben, die man mehrmals drücken muss, – glückliche, unschuldige und befreiende Erinnerungen. Ich beschloss, dem Doomscrolling, das zu einer unnötigen täglichen Belastung geworden war, mit einer härteren Form der Einschränkung zu begegnen: Ich besorgte mir ein Dumbphone.

Erster Tag (Freitag)

Mein Nokia 2660 Flip ist da. Es ist klein und aus Plastik. Geschlossen ist es etwa zwei Drittel so groß wie mein iPhone 15 Pro und es wiegt auch ein ganzes Stück weniger. Es fühlt sich weniger wie meine digitale Welt zum Mitnehmen und eher wie ein Pager an – fast wie ein Spielzeug – und es ist klein genug, um es zu vergessen. Ich schreibe einige wichtige Nummern von meinem iPhone ab, lege die SIM-Karte ein und füge die Kontakte hinzu. Zumindest ist das mein Plan, aber bei jedem Tastendruck ertönt ein Geräusch, das ich als Mittelding zwischen „Mitteilung gesendet“ und Pömpel beschreiben würde. Ich sitze in einem Café und ziehe durch den Lärm den ein oder anderen Blick auf mich. Also stelle ich die Lautstärke der Tastatur von der Werkseinstellung sechs auf null. Dann mache ich weiter.

Die erste Stunde ist befreiend, obwohl das Gerät in meiner Hosentasche recht schwer wiegt. Ich freue mich darauf, nach Hause zu gehen und mein Smartphone in eine Schublade zu werfen. Ich denke darüber nach, dass jemand, der meine Schädeldecke abnimmt, bestimmt einen blassblauen Schädelknochen sieht, weil ich in meinem Leben schon so lange auf einen Bildschirm gestarrt habe. 

Zweiter Tag (Samstag)

Ich habe am Wochenende ein paar Termine – dies wird der erste richtige Test für das Handy. Als Erstes treffe ich mich mit einem Freund in einem westlondoner Café. Da ich noch nie zuvor in diesem Café war, musste ich diese Unternehmung am Vorabend vorbereiten. Die Route habe ich auf dem Laptop geplant und dann mit dem Handy fotografiert. So gerüstet finde ich den Weg, auch wenn ich mich in der Nähe des Cafés etwas mehr anstrengen muss, damit ich mich zurechtfinde. Diese Herausforderung nehme ich aber gerne an. Es stellt sich heraus, dass Straßenschilder durchaus nützlich sind. 

Anschließend bin ich im Pub mit anderen Kumpels verabredet. Mein Portmonee habe ich sowieso dabei, weil sich darin mein Ausweis befindet. Trotzdem versuche ich aus Reflex mehr als einmal, meine Getränke mit meinem Dumbphone zu bezahlen. Der Weg zum Pub und auch der Rückweg nach Hause erweisen sich ohne Navi-App als beschwerlich. Ich weiß nicht, ob ich wirklich auf dem Weg zur U-Bahn bin, und kann auch kein Uber rufen, sondern muss aufpassen, dass ich in den richtigen Nachtbus einsteige. Ich fühle mich ohne meine smarten Helferlein etwas unsicher, bin mir dafür aber sehr sicher, dass mir niemand mein Handy klaut.

Dritter Tag (Sonntag)

Den Sonntag verbringe ich größtenteils im Bett – Asche auf mein Haupt –, aber dadurch kann ich mich einmal richtig mit dem Handy beschäftigen. Ich finde heraus, dass aus irgendeinem Grund eine heruntergeladene Facebook-App vorinstalliert ist. Ich habe Facebook seit etwa 8 Jahren nicht mehr sinnvoll genutzt, daher ist das Rückfallrisiko eher gering. Anderen könnte dies jedoch mehr Schwierigkeiten bereiten. Es gibt aber auch SPIELE. Snake Xenzia ist auf dem Handy vorinstalliert. Ich bin sehr gut darin. Schon beim ersten Versuch schaffe ich 148 Punkte in etwa 7 Minuten. Ich denke: „Das könnte gefährlich werden“, und versuche Snake Xenzia zu deinstallieren – vergeblich. Glücklicherweise ist die Faszination auch nach 20 Minuten schon wieder vorbei. Da ich nichts Besseres zu tun habe, lese ich ein Buch, bis mir langweilig wird und ich das Bett verlasse, um etwas zu essen und den Rest des Tages zu beginnen. 

Vierter Tag (Montag) 

Da ich den ganzen Tag zu Hause verbringe, habe ich abgesehen von der Langeweile keine großen Schwierigkeiten. Normalerweise unterbreche ich meine Arbeit alle halbe Stunde und glotze auf mein Telefon, bis mir einfällt, dass ich ja eigentlich Arbeiten muss. Heute nicht. Ich stoße schnell an die Grenzen meiner Langeweile und habe nichts Besseres zu tun als weiterzuarbeiten. Wenn ich arbeite, blockiere ich immer die sozialen Medien auf meinem Computer, damit sie mich nicht ablenken. Ohne den weiteren Ablenkungsfaktor Smartphone kriege ich richtig etwas geschafft und fühle mich gut dabei. Weniger gut sind aber die Entzugserscheinungen meines Gehirns, das nach Ablenkung und Dopaminschüben lechzt. 

Fünfter Tag (Dienstag) 

Es passiert: Ich gehe ohne mein Portmonee einkaufen, da ich normalerweise immer mit meinem Smartphone bezahle. Ich stelle mich an der Kasse an, greife in die Tasche nach meinem Smartphone und denke: „Mist, ich kann meinen Einkauf nicht bezahlen!“ Ich lasse meinen Einkaufswagen zurückstellen, gehe nach Hause, hole mein Portmonee und gehe zurück zum Laden, um zu bezahlen. Das ist zwar nervig, aber mein Fehler. Ich fühle mich schlecht, weil ich so abhängig von einem leblosen Objekt bin. 

Sechster Tag (Mittwoch) 

Ich bin deutlich weniger abgelenkt, vor allem abends und frühmorgens: Ich scrolle morgens nicht mehr eine halbe Stunde oder länger gedankenlos durch mein Phone und fühle mich dabei, als hätte ich den Tag vergeudet. Ich bleibe auch nicht mehr versehentlich bis 3 Uhr nachts auf und bin morgens total kaputt. Das sind schon erhebliche Vorteile. Ich komme deutlich besser mit meiner Arbeit voran und empfinde Freude daran. Wahrscheinlich ersetzt diese Freude die Glücksgefühle, die ich mir bisher durch zufällige Reels geholt habe. Zudem bin ich stolz auf meine Arbeit und lasse mich von diesem Gefühl erfüllen. 

Siebter Tag (Donnerstag) 

Am Donnerstag überkommt mich etwas die Einsamkeit. Ich bin zwar eigentlich besser gelaunt und habe erkannt, dass das Leben ohne Smartphone einfach komplett anders ist, aber ich fühle mich zweifellos von der Welt abgeschnitten. Meinen engsten Freunden hatte ich vorher gesagt, dass sie mir am besten eine SMS schicken sollten, wenn sie etwas von mir wollten. Einige haben das auch tatsächlich getan, aber ich brauche so lange zum Antworten, dass es dann auch keinen Sinn mehr hat. Meine Partnerin und ich telefonieren abends, weil SMS zu mühsam sind. Ich finde daran großen Gefallen, vermisse jedoch auch die leichte Konversation im Laufe des Tages. Ich bin mir sicher, dass ich mich mit der Zeit daran gewöhnen könnte und dass ich die gefühlte Leere mit produktiven Dingen füllen könnte, zum Beispiel einem Spaziergang. Doch die Wahrheit ist, dass ich mich unwohl fühle. Diese Lebensumstellung ist schon erheblich. Ohne Smartphone würde ich weniger Kontakt zu meinen Freunden haben und auch kulturell eher außen vor sein. Das muss nicht unbedingt schlecht sein, aber es ist eine Veränderung. 

Fazit

Am Ende der Woche schaue ich auf die Apps auf meinem Smartphone. Ich erinnere mich daran, dass ich einmal automatisch auf den Bildschirm meines Dumbphones getippt habe, als ich eine SMS schreiben wollte. Beim Durchsehen fällt mir auf, dass ich von den 106 installierten Apps vielleicht eine Handvoll vermisst habe: WhatsApp, Instagram, Spotify, Citymapper, Gmail und meine Banking-App. Hätte ich letztere in der zurückliegenden Woche gebraucht, wäre das ohne Smartphone sicher richtig nervig gewesen. 

Generell fühle ich mich erfrischt, ruhiger und konzentrierter. All das hat sich deutlich bemerkbar gemacht und mich häufig darüber nachdenken lassen, wie verrückt es ist, dass ein kleiner Glasbildschirm mein Leben komplett kontrollieren kann. Meine durchschnittliche Bildschirmzeit beträgt in der Regel mehrere Stunden am Tag – mit dem Dumphone war es vielleicht eine halbe Stunde, mehr nicht. Dadurch hatte ich rund einen Tag pro Woche mehr Zeit. In dieser Zeit lässt sich viel anfangen. Okay, ich brauchte auch länger für etwa die Routenplanung und musste einmal nach Hause gehen, weil ich kein Portmonee dabei hatte. Trotzdem hat das Dumphone durchaus Potenzial. 

Die grundlegenden Funktionen des Handys haben einwandfrei funktioniert. Ich konnte telefonieren, SMS schreiben und mich sehr wirkungsvoll wecken lassen. Mit der Kamera konnte ich Dinge fotografieren, die ich andernfalls auf dem Handy nicht hätte abbilden können, zum Beispiel eine Route oder ein Rezept, doch ich verspürte viel weniger den Drang, Fotos zu machen, weil ich wusste, dass die Qualität schlecht sein würde. Dieser Umstand ist an sich okay, weil ich unzählige Fotos auf meinem iPhone habe, die ich mir wahrscheinlich nie wieder ansehen werde. Sie sind aus dem Drang entstanden, den Moment festzuhalten. Mir hat auch gefallen, dass ich im Gespräch mit Freunden sagen konnte: „Ich habe heute das und das gesehen“, anstatt ihnen einfach ein Foto zu schicken. Ich könnte mich an diese Art von Leben gewöhnen (außer im Ausland, wo Smartphones schlicht zu praktisch sind). 

Rhys Thomas

Geschrieben von Rhys Thomas

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